Michael Katzenberger

Im Jahr 2002 war ich auf der Faschingsfeier in der Rotter Halle. Dort wurde ich von meinem Freund Thomas Gansinger gefragt, ob wir am nächsten Tag nach Großkarolinenfeld fahren könnten, zu einer Typisierungsaktion. Ich wusste zwar damals noch nicht was das war aber er meinte da kann man Leben retten und das hat mich überzeugt. Also fuhren wir beide am nächsten Tag dahin und ließen uns typisieren.

 

Ungefähr 10 Jahre später bekam ich plötzlich einen Brief von der AKB (Aktion Knochenmarkspende Bayern e.V.), dass ich mich melden soll. Ich tat es und ich war für einen Patienten in der engeren Auswahl, ich musste zum Hausarzt zur Blutentnahme. Damals habe ich mich über das Thema „Stammzellenspende“ aufklären lassen und mich etwas über das Thema informiert und war dann schon etwas enttäuscht, dass ich nicht ausgesucht wurde und sich der behandelnde Arzt für einen anderen Spender entschieden hat.

 

Anfang 2018 kam dann wieder ein Brief von der AKB dass ich mich melden soll. Das tat ich und die Frau am Telefon wusste gleich wer ich bin und erzählte mir dass sie mich über das Einwohnermeldeamt gesucht haben und dass es eilt, sie klärte mich auf wie eine Stammzellenspende abläuft, über Nebenwirkungen usw. und fragte ob ich dafür bereit wäre. Ich hatte zwei Bedingungen: 1. keine Kinderschänder und 2. keine Terroristen. Sie sagte in arabischen Ländern wird sowas nicht gemacht und in Haftanstalten auch nicht also habe ich mich bereit erklärt.

Ich bekam die ganzen Formulare für meinen Arbeitgeber zugeschickt und den ersten Termin für die Voruntersuchung. Der Arbeitgeber wird komplett für die ausgefallene Arbeit entschädigt so dass nichts verloren geht. Der erste Termin zur Voruntersuchung stand auch schon bald an.

 

Wir sind in der Früh nach Gauting zur AKB gefahren, dort lief alles sehr entspannt ab. Alle grüßen sich und sind total locker und beantworten geduldig alle Fragen. Dort wurde mir dann Blut abgenommen, einen Ultraschall gemacht und geröntgt. Mittags wurden wir mit Mittagessen versorgt und im Anschluss fand ein Aufklärungsgespräch statt. Was sind Stammzellen? Wie werden sie entnommen? Was ist Leukämie? Usw. Alles sehr interessant und nicht in Arztsprache sondern so dass man es versteht.

Meine Frau Elke war auch dabei und so interessiert und begeistert dass sie sich auch gleich typisieren ließ.

Es ist verboten dass man irgendwas vom Patienten erfährt, aber wie ich bin, wollte ich schon ein bisschen etwas wissen. Ich habe nur erfahren dass es eine Frau ist, dass die Stammzellen am gleichen Tag noch über den großen Teich fliegen und dass der Arzt nicht weiß, wen sie gewählt hat. Da kurz davor die Präsidentschaftswahl zwischen Trump oder Clinton war, wusste ich dann dass es eine Frau aus den USA ist, aber mehr nicht. Nach 6 Monaten habe ich erfahren, dass die Stammzellenempfängerin überlebt hat und nach 2 Jahren, das ist die Sperrfrist, wird der Kontakt hergestellt. Vorausgesetzt, beide Parteien möchten das und die Gesetzgebung der jeweiligen Länder lässt dies zu.

 

Mir wurde der Termin zur Entnahme mitgeteilt, der war am gleichen Tag als das Rotter Bierfest angefangen hätte und ich bekam einen Schock, ich fragte gleich ob man da dann was trinken darf :-) Die Antwort war ja, ich bekam 8 Spritzen mit nach Hause, 4 grüne und 4 blaue. Diese musste ich an den 4 Tagen vor der Spende morgens und abends nehmen. Dieses Medikament simuliert, dass man schwer krank ist und dadurch werden die Stammzellen im Knochenmark, also im Knochen vermehrt gebildet und drängen dann durch die Knochen in das periphere Blut, also die Blutbahn. Dabei werden auch die Blut bildenden Stammzellen mit in die Blutbahn transportiert. Dort können sie dann gesammelt werden und dem Empfänger transplantiert werden.  Ich wurde über, eventuell auftretende, Nebenwirkungen aufgeklärt (Fieber, Gliederschmerzen usw.) Aber ich hatte zum Glück nur manchmal ein kleines Zucken mit dem Herzschlag als wenn man an einen Weidezahn berührt.

 

Kurz vor dem geplanten Termin zur Entnahme bekam ich einen Anruf, dass es der Patientin nicht gut geht und der Termin verschieben werden musste. Ich habe mich mit dem neuen Termin einverstanden erklärt und habe mir große Sorgen um die Empfängerin gemacht. Im Nachhinein hat mir Terri (die Stammzellenempfängerin) gesagt, dass sie große Angst hatte, dass ich einen Rückzieher machen würde, aber das kam mir nie in den Sinn. Also habe ich auf den neuen Termin gewartet.

 

Dann war der Tag der Entnahme gekommen. Meine Frau und ich fuhren in der Früh wieder nach Gauting (sie musste mitkommen, weil ich danach nicht Auto fahren durfte). Nach einem Frühstück und einem kurzen Gespräch, kam ich dann in den Behandlungsraum. Ich durfte mich bequem hinlegen, einen Zugang bekam ich in den linken Arm und einen in den rechten Arm. Es wurde immer und wieder gefragt, ob es mir gut ginge und ob alles in Ordnung sei. Dann fängt die Maschine an zu pumpen, dann ist erstmal ein paar Minuten eine Art „Testlauf“ und der Arzt schaut, ob alles in Ordnung ist und berechnet anhand der bereits entnommenen Stammzellen wie lange ich liegen muss. Im Vorgespräch sagte man mir, dass die Entnahme zwischen 3 und 6 Stunden dauert, die man sich mit Filme schauen vertreiben kann. Wenn es mit anhaltender Dauer ungemütlich werden sollte, könnte man auch die Abnahme kurz unterbrechen und ein paar Schritte laufen. Dies sollte aber nicht zu oft vorkommen, da der Aufwand jedes Mal bei 10 Minuten liegt. Also lag ich dort und der Doktor hat anhand des „Testlaufs“ berechnet, wie lange meine Entnahme dauern würde. Der Arzt rechnete, schaute mich an und rechnete nochmal. Dann wandte er sich mir zu und sagte, dass ich ein medizinisches Wunder sei. Mein Körper hat deutlich mehr Stammzellen als vorgesehen produziert und so war meine Entnahme nach 45 Minuten erledigt. Daraufhin sagte ich, dass sich in der Zeit gar kein Film lohnt. 😊 Wir haben entschieden, weitere 20 Minuten Stammzellen abzunehmen um eine Reserve zu haben, falls auf dem Transport etwas kaputt geht.

 

So, dann hat das Warten angefangen… Ich habe sehr oft an Terri gedacht und mich gefragt, ob sie noch lebt. Nach 6 Monaten habe ich auch nichts gehört, also habe ich bei der AKB angerufen und gefragt, ob sie mich vergessen hätten. Aber die bekommen die Info von der Klinik und hatten auch keine Info. Nach etwa 8 Monaten kam dann die Nachricht: Terri lebt!
 Dann ging das Warten weiter, aber mir wurde gesagt, dass ich ja einen Brief schreiben könnte, dieser darf aber keine persönlichen Daten und Informationen enthalten. Ich habe dann einen Brief an Terri geschickt. Irgendwann kam dann eine Antwort. Das war ein sehr emotionaler Moment: Es war ein Brief von Terri und ein Brief von ihrem Sohn. Ich wusste nicht, dass sie ein Kind hat.

 

Nach 2 Jahren dann kam ein Brief mit einem Formular, ob ich meine Identität preisgeben möchte und auf dem ich meine Kontaktdaten eingeben kann. Terri hat den gleichen Brief gekommen und nach einigen Wochen hat mich meine Frau in der Arbeit angerufen und mir gesagt, dass wir eine eMail mit Terri’s Kontaktdaten bekommen hätten. Meine Frau hat die Mail gleich weitergeleitet und ich hab natürlich gleich gegoogelt und ihr gleich geschrieben. Mittlerweile stehen wir im regelmäßigen Kontakt und pflegen eine wunderbare Freundschaft. Wir wollen uns baldmöglichst auch persönlich kennenlernen.

 

Heute bin ich absolut froh, dass mich der Gansinger damals angesprochen hat, ob ich ihn zur Typisierungsaktion fahren kann und mich selbst typisieren ließ.